Zwei Männer behandeln Rinder in Südamerika

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Mercosur: Ein Deal und seine Folgen für die Landwirtschaft

EU-Kommission, Wirtschaft und Ökonomen sind voll des Lobes für das geplante Mercosur-Abkommen. Für die Landwirtschaft werden teils düstere Szenarien skizziert. Das sagen jene dazu, die sich tagtäglich mit Märkten und Preisen befassen.

Wie bei allen Handelsabkommen sollen auch mit dem Mercosur-Deal Zölle auf beiden Seiten der Unterzeichner fallen. Diese Öffnung der Märkte umfasst auch den Agrarbereich. Nach vehementen Protesten wurden für sogenannte sensible Produktgruppen nur eine beschränkte Öffnung der Märkte vereinbart. Dort gelten Zollfreiheit oder aber Zollreduktionen nur für bestimmte Mengen, im Handelssprech „Quoten“ genannt. So dürfen etwa bei Rindfleisch höchstens 99.000 Tonnen pro Jahr zu einem reduzierten Zollsatz in die EU eingeführt werden. Bei Geflügel sind 180.000 Tonnen zollfrei, bei Zucker beträgt die zollfreie Quote 180.000 Tonnen und bei Honig sind es 45.000 Tonnen zollfreier Warenstrom. Darüber hinausgehende Einfuhren werden nach den bisher geltenden Sätzen verzollt.

Im Gegenzug fallen für den EU-Agrarbereich etwa die Zölle auf Wein (bisher 27 %). Für Käse wurde eine zollfreie Quote von 30.000 Tonnen vereinbart. Zusätzlich hat die Kommission – nach massiver Kritik, etwa aus Österreich – einer möglichen Erweiterung der sensiblen Produktliste zugestimmt, sollte es zu Verwerfungen kommen. Weiters hat die EU-Exekutive alle sechs Monate einen Bericht zur Marktbeobachtung vorzulegen. Steigen die Einfuhren im Übermaß oder fallen die Preise im mehrjährigen Vergleich, ist ein Aussetzen der Vereinbarungen möglich. Die vier Mercosur-Staaten erklärten sich außerdem bereit, rund 340 geschützte Ursprungsbezeichnungen der EU zu akzeptieren. Für Österreich wurden 13 solcher Titel vereinbart. Damit wird etwa ausgeschlossen, dass in Brasilien künftig „Tiroler Speck“ vermarktet wird.

Leopoldsdorf in Brasilien

So weit, so abstrakt. Mit welchen Auswirkungen die Branche tatsächlich bei einem möglichen Inkrafttreten im Laufe des Jahres zu rechnen hat, hat die BauernZeitung erfragt. Rübenbauern-Direktor Markus Schöberl erläutert die Situation am Zuckermarkt so: „Früher war dieses Kontingent für Südamerika nur zollbegünstigt. Das bedeutet, waren die Preise in der EU gut und im Rest der Welt nicht, dann sind diese Mengen gekommen. Jetzt ist der Zoll weg und die Menge wird fix kommen.“ Laut Schöberl handle es sich dabei übrigens um jenes Produktionsvolumen, welches im Mittel der vergangenen Jahre in einer Kampagne in Leopoldsdorf produziert wurde. Die von der Kommission gelobten neuen Absatzchancen sehen die traditionell freihandelskritischen Rübenbauern beim Zucker jedenfalls nicht. Man sei durch Lohnkosten und die Unterschiede in der Kulturführung gegenüber Rohrzucker schlicht nicht konkurrenzfähig.

Die Kunden reagieren heute im Wochenrhythmus und kaufen dort, wo der Preis nachgibt. Die EU müsste binnen zwei Wochen reagieren, nicht nach sechs Monaten.

Werner Habermann

Geschäftsführer Arge Rind

Wenig optimistisch zeigt sich auch Arge-Rind-Geschäftsführer Werner Habermann, was die potenziell neuen Freimengen in seinem Sektor bringen werden: „Bis dato wurden Edelteile importiert. Noch heikler wird es wenn auch Verarbeitungsware auf den EU-Markt drängt. In Polen war das schon der Fall.“ Die Farmer in Brasilien produzieren Rindfleisch demnach für die Hälfte der Kosten. Da würden auch etwaige EU-Eingriffsmaßnahmen zu kurz greifen: „Die Kunden reagieren heute im Wochenrhythmus und kaufen dort, wo der Preis nachgibt. Die EU müsste binnen zwei Wochen reagieren, nicht nach sechs Monaten.“

Wirtschaftlicher Druck auf Geflügelbauern absehbar

Von „indirekten Auswirkungen“ auf seine Branche berichtet indes Geflügelwirtschaft-Österreich-Geschäftsführer Michael Wurzer. „Dieses Geflügel landet unter anderem auch bei uns in jenen Absatzkanälen, in denen keine Herkunftskennzeichnung vorgesehen ist, also in der Gastronomie, der Lebensmittelindustrie und der öffentlichen Beschaffung. Im Kern wird sich auf diesen Märkten der Preis tendenziell nach unten entwickeln.“ Das erhöhe letztlich auch den wirtschaftlichen Druck auf heimische Betriebe.

Auch im Schweinebereich wurde den Mercosur-Ländern eine Quote zugestanden. Schweinehaltung-Österreich-Obmann Franz Rauscher sieht die Situation aber weniger brisant als im Rinderbereich : „Die Mengenflüsse aus den Mercosur-Staaten kann man noch nicht abschätzen. Derzeit macht uns Spanien mehr Probleme.“ Das exportorientierte Land kann bekanntlich momentan kaum Schweine in Drittstaaten absetzen, was laut Rauscher „hierzulande Wertschöpfung vernichtet“.

Imker alarmiert

Trübsal bläst ebenso Biene-Österreich-Geschäftsführerin Gabriele Eder: „Mercosur wird das Import-Angebot noch mehr erhöhen und den Preis drücken. Noch dazu mit Honig aus unklaren Quellen.“ Zur besseren Einordnung: Österreichs Imker produzieren laut Eder rund 4.000 Tonnen Honig pro Jahr. Diese stehen einem Kontingent von künftig 45.000 Tonnen gegenüber. Durch den bestehenden Importdruck sei die Preissituation aber schon jetzt nicht zufriedenstellend.

Optimistische Winzer

Deutlich bessere Stimmung ist bei Österreich-Wein-Marketing-Chef Chris Yorke herauszuhören. Handelsabkommen seien wichtig, um den Weinabsatz im Export zu erleichtern. „Innerhalb von Mercosur sind insbesondere die großen Märkte Brasilien und Argentinien für uns interessant.“ Beides „große Rotweinmärkte“, die laut Yorke eine Chance für hiesigen Zweigelt und Blaufränkisch bieten würden.

Die Quoten für Käse stehen in keinem Verhältnis zu dem, was an Rindfleisch hereinkommen wird.

Johann Költringer

Geschäftsführer Milchverband Österreich

Ebenso zu den Siegern würde am Papier – dank neuer Freimengen – die heimische Milchbranche zählen. Milchverband-Geschäftsführer Johann Költringer sieht die Lage jedoch differenziert: „Die Quoten stehen in keinem Verhältnis zu dem, was an Rindfleisch hereinkommen wird. Am Ende trifft die Milchproduzenten auch das Rindfleisch-Thema. Denn wer Milch hat, hat auch Rindfleisch.“

Lebensmitteleinzelhandel solidarisch

Unisono erklären die Branchenfachleute, dass es für diese vielen Fragezeichen in der EU und Österreich nur eine Antwort geben kann, nämlich eine umfassende Herkunftskennzeichnung, „auch in der Gastronomie“, wie mehrfach angemerkt wird. Diese müsse aber auch kontrolliert werden, wird unterstrichen.

Vorsichtig zuversichtlich stimmen die Bekenntnisse der großen Lebensmitteleinzelhandelsketten Spar, Rewe, Hofer und Lidl. Die Unternehmen, welche gemeinsam immerhin 94 Prozent der Marktanteile halten, erklärten dieser Tage gegenüber Medien trotz in Zukunft möglicher Mercosur-Einfuhren beim Frischfleisch weiterhin auf österreichische Herkunft zu setzen. Aus dem Gastrogroßhandel war diesbezüglich bisher nichts zu vernehmen.

Die politischen Hintergründe zum Mercosur-AbkommenWie es der EU-Kommission gelang eine Mehrheit zu finden.