Studie: Der psychische Druck in der Landwirtschaft ist sehr hoch
Eine Studie zur psychischen Belastung der Bäuerinnen und Bauern zeigt eindeutig: Der Druck in der Landwirtschaft ist groß. Das Annehmen von Hilfsangeboten ist eine der möglichen Gegenwirkungen.
Etwa die Hälfte der Studienteilnehmer gab an, im vergangenen Jahr unter psychischem Druck gestanden zu haben. Dieser Anteil ist fast doppelt so hoch wie in der österreichischen Gesamtbevölkerung. So lautet eines der Ergebnisse der Studie „Soziale und psychische Belastungen der Land- und Forstwirtinnen und -wirte in Österreich“, die von der L&R Sozialforschung im Auftrag des Landwirtschaftsministeriums erstellt wurde. Insgesamt nahmen österreichweit mehr als 2.500 Bäuerinnen und Bauern aus unterschiedlichen Produktionssparten, Altersgruppen und Lebenssituationen teil. Zusätzlich zur Umfrage wurden auch 15 qualitative Einzel- und Paarinterviews sowie Experteninterviews geführt.
Nur weniger als fünf Prozent der Studienteilnehmer gaben an, gering oder nicht belastet zu sein. Knapp zwei Drittel sprechen von einem mittleren und ein Drittel sogar von einem hohen Belastungsniveau. Auch wenn der psychische Druck der Berufsgruppe besonders hoch ist, herrscht laut Studienautorin und Arbeitsmarktexpertin Nadja Bergmann großes Interesse, über das Thema zu sprechen. Vor allem die Preisentwicklung, das gesellschaftliche Ansehen oder die Arbeitsintensität sind Gründe für den Druck. Ebenso stellte sich heraus, dass die Menschen je nach Betriebsrichtung unterschiedliche Sorgen haben. So sind es bei Obst- oder Ackerbauern vor allem klimatische Bedenken und bei Viehhaltern das öffentliche Ansehen.
Forderung nach besseren Rahmenbedingungen
Schaut man sich das Belastungsausmaß im Detail an, dann sind folgende Aspekte die größten Problempunkte: externe Einflüsse (Ernteschäden), gesellschaftliches Ansehen (mediale Berichterstattung), arbeitsbezogene (Arbeitsintensität), wirtschaftliche (Bürokratie) und soziale Aspekte (Familienkonflikte). „Vor allem der Mangel an qualifizierten Vertretern bereitet den Bauern einen enormen Druck“, erzählt Nadja Bergmann. Sie hat mit den meisten Interviewpartnern auch persönlich gesprochen. Fehlende Erholungszeiten seien laut der Expertin oft Grund für Gesundheitsmängel.
Belastungsausmaß im Überblick
LK-Österreich-Präsident Josef Moosbrugger nimmt die Studienergebnisse zum Anlass, um seine Forderung nach besseren Rahmenbedingungen und Erzeugerpreisen zu untermauern und die Wichtigkeit von Entlastungs- und Beratungsangeboten zu unterstreichen. Ebenso betont auch Bundesbäuerin Irene Neumann-Hartberger, wie wichtig es ist, auf die persönliche Psyche zu achten: „Ein Betrieb ist nur so krisenfest wie die Menschen, die ihn führen. Die Förderung der körperlichen und seelischen Gesundheit ist daher eine zentrale Säule für die Zukunft unserer Landwirtschaft. Wir müssen lernen, rechtzeitig die Hand zu reichen und Angebote wie ‚Lebensqualität Bauernhof‘ als wertvolles Werkzeug für den eigenen Betriebserfolg zu sehen.“ Zugleich spricht sie sich für den Erhalt und Ausbau niederschwelliger Unterstützungsangebote wie das Sorgentelefon oder das Beratungsservice der LK aus. Außerdem habe die Bundesregierung im Dezember Maßnahmen eingeleitet, um psychologische Hilfe künftig auf Krankenschein zugänglich zu machen, so Neumann-Hartberger.
Familiäre Nähe als Stütze und Last zugleich
Auf vielen Betrieben arbeitet die Familie nicht nur zusammen, sondern lebt auch gemeinsam in unmittelbarer Nähe. Dies führt oftmals zu Konflikten, denen man nicht immer aus dem Weg gehen kann. Unterschiedliche Meinungen zur Betriebsführung, Konflikte bei der Hofübernahme oder Pflege der Angehörigen sorgen immer wieder für schlechte Stimmung. Der Arbeitsmarktexpertin Nadja Bergmann zufolge ist diese Nähe bei vielen gleichzeitig aber auch die Arbeitsmotivation. „Viele der Befragten schätzen dieses familiäre Umfeld, denn es ist immer jemand da, wenn man Hilfe braucht oder einfach nur reden möchte.“ Die Gruppe, die die größte psychische Belastung aufweist, sind diejenigen, die kein unmittelbares familiäres Umfeld haben. Alleinstehende Menschen gaben nämlich am häufigsten an, unter psychischen und physischen Folgen zu leiden.
Vor allem der Mangel an qualifizierten Vertretern für die Arbeit am Hof bereitet den Bauern Druck.
Nadja Bergmann
Die Jugend weiß sich zu helfen
Jüngere Befragte machen sich zwar Sorgen über die Zukunft der Landwirtschaft und klagen über hohe bürokratische Auflagen, dennoch nutzen sie bei Unwissenheit vielfach Hilfsangebote. „Bei den Gesprächen mit Jungbauern wurde deutlich, dass diese meist ein großes Netzwerk haben. Bei Schwierigkeiten kennen sie vielfach jemand, der ihnen helfen kann“, erinnert sich die Studienautorin. Bemerkenswert bei dieser Personengruppe sind allerdings die Bedenken der klimatischen Entwicklung. Die Unsicherheit, ob gewisse Kulturen künftig noch angebaut werden können, spielt dabei eine große Rolle. Generell möchte die junge Generation aber auch das Image der Landwirtschaft verbessern, indem sie öffentlich über die Arbeit kommuniziert. Bei Belastungen und Problemen wissen die meisten über mögliche Hilfsangebote Bescheid und nehmen diese auch wahr, zeigt sich aus den Studienergebnissen.
Unterstützung annehmen
Wer Hilfe braucht, soll diese auch suchen und annehmen. So lautet ein Fazit der Analyse. Es gibt Unterstützungsmaßnahmen, die bei psychischem Druck oder Beschwerden helfen können. Speziell geschulte Beratungsdienste, wie das bäuerliche Sorgentelefon, Gesundheitsangebote der Sozialversicherung oder Betriebshilfen sind nur ein paar dieser möglichen Maßnahmen. Auch wenn einige Studienteilnehmer angaben, von solchen Angeboten nur wenig zu wissen, ziehen es viele in Betracht, sich diese Unterstützung holen zu wollen. Das ist auch der richtige Weg, um der Psyche etwas Gutes zu tun, erklärt Bergmann: „Hilfe annehmen sollte zur Normalität werden.“ Die Ergebnisse zeigen auch eindeutig, dass die Unterstützungsangebote mit hoher Zufriedenheit bewertet werden.
Hilfsangebote
Bäuerliches Sorgentelefon: Montag bis Freitag von 8.30 bis 12.30 Uhr (ausgenommen an gesetzlichen Feiertagen) – telefonische Hilfe zum reduzierten Tarif von ca. 1,30 Euro pro Stunde: 0810/676 810
„Happy am Hof“, Maschinenring: Soziale Betriebshilfe, Versicherungslösung, Spendenaktionen nach Schicksalsschlägen; Infos unter happyamhof.at oder maschinenring.at
SVS-Gesundheitsangebot: Vorsorge, Beratung, Auszeit; Infos unter svs.at
Betriebsberatung LK: Bundeslandspezifisches Unterstützungsangebot; Infos unter lko.at/beratung