Im Westen Österreichs verändert sich die Landwirtschaft langsamer als im Osten – welche Gründe sehen Sie dafür, und was bedeutet das für die Zukunft der Betriebe in Tirol?
Assoz. Prof. Dr. Rike Stotten Aus soziologischer Sicht lässt sich diese räumliche Differenz nicht allein mit Statistikdaten erklären, sondern mit der sozial-ökologischen Verankerung der Landwirtschaft in der Region. In Westösterreich, etwa in Tirol oder Vorarlberg, bestehen traditionell starke lokale Netzwerke, ein dichtes soziales Gefüge und eine enge Verknüpfung von Landwirtschaft, Dorfleben und Tourismus. Diese Faktoren wirken oft stabilisierend: Familienbetriebe, vielfach Nebenerwerbs- oder teilvermischte Einkommen, und vielfältige Nutzung von Ressourcen machen Veränderungen gradueller als in stärker marktorientierten Regionen im Osten. Gleichzeitig spielen natürliche Bedingungen (Bergland, kurze Vegetationszeiten, steile Lagen) eine Rolle, weil sie spezialisierte Formen der Produktion und nachhaltige Bewirtschaftungsformen begünstigen, anstatt auf intensive Flächennutzung und große Betriebs-Skalen umzustellen. Diese langsamere Veränderung sollte aber nicht mit Stillstand verwechselt werden: Sie kann einerseits Resilienz bedeuten, etwa im Erhalt regionaler Kulturlandschaften, andererseits aber auch zu Herausforderungen im Strukturwandel, in der Innovationsfähigkeit und in der Betriebswirtschaft führen. Zukunftsfähigkeit in Tirol wird davon abhängen, wie gut Betriebe trotz dieser stabilisierenden Faktoren neue Marktchancen, Kooperationen und Wertschöpfungswege erschließen können, etwa in Richtung Spezialitäten, Regionalvermarktung oder Tourismus. Die soziale Struktur und Identität der Landwirtschaft im Westen kann dabei ein Stabilisator, aber auch ein Ankerpunkt für Wandel sein.
Zukunftsfähigkeit in Tirol wird davon abhängen, wie gut Betriebe neue Marktchancen, Kooperationen und Wertschöpfungswege erschließen können, etwa in Richtung Spezialitäten, Regionalvermarktung oder Tourismus.
Rike Stotten
Oft heißt es, dass die Berglandwirtschaft vom Strukturwandel weniger betroffen ist. Wie schätzen Sie das ein?
Assoz. Prof. Dr. Rike Stotten Diese Aussage enthält einen wichtigen Punkt: In Bergregionen zeigt sich der klassische Betriebsschließungs- oder Größenwandel oft weniger drastisch als in extensiven Flachlandgebieten, was zunächst den Anschein erweckt, Berglandwirtschaft sei „weniger vom Strukturwandel betroffen“. In Wirklichkeit ist sie vielmehr anders betroffen: Strukturdaten zeigen, dass Bergbetriebe besonders resilient durch Diversifizierung, Nebenerwerbsanteile, Tourismus-Einkommen und intensive soziale Netzwerke sind. Sie reagieren weniger durch Kapitalkonzentration oder Flächenvergrößerung, sondern durch funktionelle Anpassungen (z.B. Direktvermarktung, Gästewirtschaft, Kooperationen). Zudem sind Bergbauern in vielen Regionen Kulturlandschaftserhalter, oft stark im Dorfleben verankert, und tragen zur Gemeinschafts- und Identitätsbildung bei, Funktionen, die statistisch schwer zu messen, aber sozial enorm relevant sind. Trotzdem: Sie sind nicht immun gegen den Strukturwandel. Herausforderungen wie demografischer Wandel, Arbeitskosten, Infrastruktur-Defizite oder engen Produktmärkten treffen auch Berglandwirtschaft. Was anders ist: Die Wandlungsprozesse laufen oft langsamer, sozial vermittelt und adaptiv, statt linear nach Effizienz-und Gewinnmaximierungslogiken.
Tirol liegt beim Betriebseinkommen am unteren Ende der Statistik. Was steckt aus Ihrer Sicht dahinter, und welche Rolle spielt dabei die hohe Zahl an Nebenerwerbsbetrieben?
Assoz. Prof. Dr. Rike Stotten Der vergleichsweise niedrige Einkommensstatus Tirols in agrarökonomischen Statistiken hat mehrere Ursachen: Einerseits sind die Naturraum- und Produktionsbedingungen in den Alpen anspruchsvoll, die Produktivität pro Fläche geringer und die Marktpreise für viele alpine Produkte oft niedriger als für intensive Flachlandproduktion, was sich direkt im Einkommen niederschlägt. Andererseits spielt die hohe Zahl an Nebenerwerbsbetrieben eine wichtige Rolle. In Tirol gibt es überdurchschnittlich viele Betriebe, die Landwirtschaft mit anderen Einkommensquellen kombinieren (z.B. Lohnarbeit, Tourismus, Direktvermarktung, Weiterverarbeitung), damit sinkt zwar das klassische landwirtschaftliche Betriebseinkommen, weil Einnahmen nicht allein aus landwirtschaftlicher Produktion kommen, aber es steigt gleichzeitig die wirtschaftliche Gesamtselbstständigkeit und Überlebensfähigkeit der Betriebe vor Ort. Aus soziologischer Perspektive zeigt dies, dass Volkswirtschafts-Betriebseinkommen allein unzureichend ist, um die ökologische, soziale und kulturelle Leistung der Tiroler Landwirtschaft zu bewerten, insbesondere wenn Betriebe als soziale Integrationsstützen, Landschaftspfleger und regionale Versorger fungieren.
Die Stärke der Tiroler Berglandwirtschaft liegt nicht nur in ihrer ökonomischen Leistung, sondern in ihrer sozial-ökologischen Funktion für Regionen, Identität und nachhaltige Lebensformen.
Rike Stotten
Welche Möglichkeiten sehen Sie, damit Tiroler Bergbetriebe auch in Zukunft gut bestehen können – wirtschaftlich, aber auch in ihrer wichtigen Rolle für Kulturlandschaft und Gesellschaft?
Assoz. Prof. Dr. Rike Stotten Für die Zukunftsfähigkeit der Tiroler Berglandwirtschaft sehe ich mehrere komplementäre Strategien, die sowohl wirtschaftlich als auch gesellschaftlich wirken: Diversifizierung jenseits klassischer Produktion (Betriebe können durch regionale Verarbeitung, Direktvermarktung, Qualitäts- und Herkunftslabel, Kooperationen oder kurze Wertschöpfungsketten zusätzliche wirtschaftliche Perspektiven schaffen. Dabei spielt auch der Austausch innerhalb lokaler Netzwerke eine große Rolle.), Stärkung sozialer und institutioneller Kooperationen (Kooperationen zwischen Landwirtschaft, Tourismus, Gastronomie, Schule und Gemeinden können Synergien freisetzen, z.B. bei Bildungs-, Erlebnis- oder Erlebnisbauernhof-Angeboten), Anerkennung und Förderung der multifunktionalen Leistungen (Die Politik sollte stärker die ökologischen, sozialen und kulturhistorischen Funktionen der Berglandwirtschaft in Förderprogrammen reflektieren, z.B. Landschaftspflegeprämien, ÖPUL-Maßnahmen, CAP-Ziele.), Wissens- und Erfahrungsnetzwerke (Regionale Wissensnetzwerke, Austauschplattformen und partizipative Forschung stärken die Anpassungsfähigkeit und Innovation im ländlichen Raum.), Regional verankerte Wertschätzung (Gesellschaft und Konsumenten können durch Bewusstsein für Herkunft, Qualität und kulturelle Leistungen einen Beitrag leisten, z.B. durch bewusstes Einkaufen regionaler Produkte.). Insgesamt gilt: Die Stärke der Tiroler Berglandwirtschaft liegt nicht nur in ihrer ökonomischen Leistung, sondern in ihrer sozial-ökologischen Funktion für Regionen, Identität und nachhaltige Lebensformen. Eine zukunftsorientierte Unterstützung sollte diese Vielfalt anerkennen und fördern.
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