Drei Stiere, neun Kalbinnen und 17 Kühe – diese 29 Rinder der Rasse Tux-Zillertaler waren laut Herdebuchbestand 1965 die wenigen verbliebenen ihrer Art. 1971 wurde „die letzte Tuxerkuh“ als Exponat im Haus der Natur in Salzburg ausgestellt. Gründe für das scheinbare Aussterben gab es mehrere: geringe Blutauffrischung, zu geringe Milchleistung, die Folgen der Tuberkulose-Impfung und Maßnahmen zur Bekämpfung der Bangseuche. Die Rasse schien verloren. Doch dann taten sich einige engagierte Bauern und Freunde des Tuxer Rindes zusammen, um sie zu retten. Mit viel Mühe wurden die totgesagten Kühe, die an einigen Tiroler Höfen verblieben waren, ausfindig gemacht. Durch Einkreuzung der verwandten Rasse Schweizer Eringer wurde das Tux-Zillertaler Rind „wiederbelebt“.
Heute ist die Rasse in ganz Österreich, der Schweiz, Südtirol und Bayern verbreitet. Laut Herdebuch gibt es insgesamt etwa 2.000 Rinder, von ihnen 1.100 Kühe, die von rund 250 Züchtern gehalten werden.
Zurück zu den Wurzeln
Zu den begeisterten Züchtern gehört auch Johann Dengg. Gemeinsam mit seiner Frau Waltraud und seinem Sohn Johannes bewirtschaftet er den Floacherhof am Fügenberg im Zillertal. Auch die beiden nicht mehr am Hof lebenden erwachsenen Töchter Julia und Anna helfen fleißig mit. Der historische Hof ist nach Schätzungen rund 500 Jahre alt. Im Familienbesitz befindet er sich seit 1900, als Johanns Urgroßvater ihn erwarb.
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Seit 40 Jahren setzt Johann Dengg auf die Tux-Zillertaler Rasse.
„Für mich hat es nie eine andere Rasse gegeben“, erklärt der passionierte Bauer. 1992 übernahm er den Hof – doch bereits zuvor hatten er und sein Vater sich von der widerstandsfähigen Kuh begeistern lassen. „Wir sind hellhörig geworden, als das vermeintliche Aussterben der Rasse bekannt wurde. 1978 haben wir den Betrieb auf Tux-Zillertaler Rinder umgestellt.“ Besonders die Bemühungen von Professor Ambros Aichhorn und Andreas Moser, damals LK-Berater an der BLK Schwaz, hebt Dengg hervor. „Ohne sie wäre die Rasse in Vergessenheit geraten. So aber wurden interessierte Bauern wie wir unterstützt – und konnten für frisches Blut sorgen.“
Eine Entscheidung, die man am Floacherhof jederzeit wieder treffen würde. Nicht nur, dass die heimische Rasse an das Berggebiet angepasst ist und sich sehr alptüchtig zeigt – Johann Dengg sagt seinen Rindern auch eine besondere Intelligenz nach. „Da ich selbst 20 Jahre lang ‚Alminger‘ war, weiß ich eine intelligente Kuh sehr zu schätzen. ‚Tapfer‘ hieß unsere gescheiteste Kuh. Sie war eher klein und nicht die Schönste, doch bemerkenswert klug. Sie spürte, wann das Wetter umschlägt, führte die Herde in sichere Gefilde und auf die besten Weideplätze. Von so einer Kuh profitiert der ganze Betrieb.“
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Vater und Sohn widmen sich passioniert dem Erhalt seltener Nutztierrassen.
Zillertaler Kampfkühe
Schon seit Beginn der Zuchtaufzeichnungen nahmen die Tuxer einen besonderen Stellenwert am Hof ein – vor allem die „Moarin“. So wurde die kampfesstärkste Kuh genannt. Traditionell ließ man die Kühe beim „Kuhstechen“ gegeneinander antreten, sogar am Gauderfest im Zillertal, dem größten Frühlingsfest Tirols. Nicht nur die Unterhaltung des Menschen und das Prestige des Hofes standen im Vordergrund. Die Kühe machten auch untereinander aus, wer die besten Weiden bekam. Behauptete sich eine Kuh gegen ihre Artgenossin, ging diese ihr während der ganzen Almsaison aus dem Weg. Die Herde schloss sich der „Moarin“ an.
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Johann Dengg vlg. „Floacher“, Zuchtleiter Christian Moser, Alois Huber vlg. „Hanser“ und Josef Steinberger vlg. „Trieler“ gaben den Unesco-Antrag in Wien ab.
Seit den 1950er-Jahren findet das Kuhstechen nicht mehr statt. Einerseits wurden die Tiere durch die Züchtung in Richtung Milchleistung träger. Andererseits war auch die Stückzahl der Tux-Zillertaler durch das Aussterben der Rasse zu gering – und andere Rinder brachten den Kampfgeist nicht auf. Heutzutage spräche wohl auch der Tierschutz-Aspekt gegen die urige Tradition. Dennoch war das Kuhstechen nie ein blutiges Massenspektakel, sondern ein bäuerlich geprägtes Ritual zur Festlegung der Rangordnung unter den Kühen. Nicht nur vom Kuhstechen, auch von einem langen Viehtrieb vom Zillertal nach Russland, den die Tuxer Rinder laut Aufzeichnungen begingen, erzählt Johann Dengg. Seine Begeisterung für die Tiroler Urrasse und das Thema Generhaltung merkt man ihm deutlich an: „Deshalb wäre es für uns und die ganze Region ein riesiger Mehrwert, wenn die Tux-Zillertaler Rinderrasse zum immateriellen Unesco-Weltkulturerbe wird.“
Der Antrag dafür wurde im heurigen Jahr von Zuchtleiter Christian Moser eingebracht. Entschieden wird erst im Jahr 2026, ob es die als älteste Rasse Tirols geltenden Rinder ins Register schaffen. In diesem Jahr feiert die Rasse nicht nur ihr seit 40 Jahren bestehendes Generhaltungsprogramm, sondern auch die Kür zur Rasse des Jahres von Arche Austria. Ein vielversprechender Ausblick – besonders für eine Rasse, die einst ausgestorben geglaubt war.
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Der Hof am Fügenberg soll vor etwa 500 Jahren errichtet worden sein. Seit 125 Jahren ist er in Familienbesitz.
Betriebsspiegel:
Rund 30 Stück Tux-Zillertaler Rinder inklusive Nachzucht werden am Floacherhof im Zillertal von Johann und Johannes Dengg gehalten. Die Tiere leben in Kombinationshaltung und genießen neben der Heimweide im Sommer auch die Friesenbergalm am Schlegeis. Der Betrieb ist auf Mutterkuhhaltung und Kalbfleischproduktion spezialisiert. Bewirtschaftet werden 13 Hektar Grünland, davon acht Hektar Eigengrund. Neben den Rindern werden auch 20 Mutterschafe und zehn Mutterziegen sowie Hühner gehalten – vom alpinen Steinschaf bis zu Blobe- und Pfauenziege allesamt seltene Nutztierrassen.
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